Ich bin nicht vorsätzlich leichtsinnig. Ich bin nur manchmal etwas unaufmerksam. Und dann passieren Dinge. Dinge, die wenig Zeit zum Nachdenken lassen.

So sind wir zum Beispiel auf diesem See gelandet, in Brandenburg, auf einem schwimmenden Ferienhaus. Bei Windstärke vier, vielleicht auch schon fünf. Vier Tonnen mit Segelflächen aus Hauswänden, die manövrierunfähig auf den Wellen tanzen, deren Kämme weiß im Licht der ab und zu zwischen den schnell ziehenden dunklen Wolken vorblitzenden Sonne leuchten.

Dabei hatte unser Tag so sonnig und so friedlich angefangen. Am Vorabend waren meine Söhne und ich mit unserem Bunbo auf der Kanincheninsel gelandet, einem winzigen Eiland im Breitlingsee, auf dem sich Kaninchen und Biber Gute Nacht sagen.

Die Jungs hielten ihre Zehen ins eiskalte Wasser, ruderten zur Kanincheninsel und in den Sonnenuntergang, wir verscheuchten die gierigen Schwäne, wärmten uns am Feuer auf und spielten nach Einbruch der Dunkelheit Monopoly in der durch die Gasheizung wohltemperierten Wohnküche.

Wir fielen früh in die Betten, schliefen tief und selig und erwachten pünktlich zum Sonnenaufgang, geweckt vom Schreien der Wildgänse, die unser Haus auf dem Wasser im Tiefflug umrundeten.

Morgens, halb sieben in Deutschland… ☀️ #Bunboland

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Das Leben ist ein langer ruhiger Fluss.

Graureiher am Ufer der Brandenburger Niederhavel

Graureiher am Ufer der Brandenburger Niederhavel

Wir haben gefrühstückt, aufgeräumt, den Tank gecheckt (3/4 voll), den Motor vorgewärmt, die Anker gelichtet und uns auf den Weg nach Brandenburg an der Havel gemacht. Vom immer leicht windigen Plauer See biegt man am Leuchtfeuer Plauer Gemünde ein in die wildromantische Brandenburger Niederhavel. Wir fuhren bergwärts, also gegen die Fliessrichtung der Havel; trotz des Hochwassers recht mühelos. Unser Bunbo 1000 ist so viel schlanker, leichter und damit wendiger als die mir schon bekannten Bunbos 990D und 1160, das Manövrieren ist ein Kinderspiel. Wir genossen die ruhige Fahrt. Auch wenn ich meinen Jüngsten nur schwer davon abhalten konnte, wahllos ins Signalhorn zu blasen und andere Hobbykapitäne aufzuschrecken.

Die Niederhavel ist gesäumt von Bäumen und grünen Ufern, Reiher, Schwäne, Gänse und Enten tummeln sich im Wasser und sorgen für ordentliche Beschallung. Demnächst wird eine Menge Wasservögelnachwuchs erwartet.

Supermarkt mit eigenem Anleger

REWE-Supermarkt mit eigenem Anleger

Wir zogen vorbei an den Lost Places am Brandenburger Stadtrand, einer Firmenruine an der Caasmannstraße, und bedauerten, hier nicht anlegen und das Gelände erkunden zu dürfen. Und erreichten schließlich unser Ziel, den Anleger des REWE-Supermarktes, um uns für die kommenden Tage einzudecken. Anlegen klappte prima, überhaupt alles hatte bis hierhin wunderbar geklappt. Wir gingen einkaufen und setzten unser Bunbo dann zum Anleger Slawendorf am Salzmannufer um, um Pause zu machen und unsere elektronischen Geräte aufzuladen.

Doch hier verließ uns unser Glück. Obwohl die Saison am 1.4. gestartet war, waren die Strom- und Trinkwassertanksäulen noch verschlossen. Statt also hier zu rasten, beschlossen wir spontan zur Marina zurück zu fahren um dort zu laden und zu grillen.

Achte auf die Zeichen.

Spätestens hier hätte ich aufmerksam sein müssen. Ich war es nicht. Wir fuhren nun talwärts und leichtgängig zurück zum See. Die Brise hatte aufgefrischt, doch wir genossen arglos die Fahrt, eine Brioche und jeden Sonnenstrahl, der unsere Gesichter erwärmte.

Erst wehte die Brioche von Deck, dann die Sonnenbrille von Sohn 2.0. Rettungsversuche hätten halsbrecherische und wenig erfolgversprechende Manöver bedeutet. Wir fuhren fluchend und lachend weiter. Und erreichten den See.

Hui.

Sohn 1.0, der am Vortag die Einweisung und den Charterschein gemacht hatte, runzelte die Stirn, als wir bei Einfahrt des Sees eine fette Böe abbekamen. „Das ist ganz schön stürmisch.“

Ich wollte niemanden beunruhigen. Mich auch nicht. Ich lächelte den Wind weg, aus mannigfacher Erfahrung der letzten drei Bunbo-Törns in den letzten sieben Jahren wissend, dass es auf den Seen nun halt ab und an mal böig zugeht: „Sturm ist das erst, wenn das Schaf die Locken glatt hat.“

Trotzdem hielt ich Ausschau nach einem Liegeplatz. In der Mündung zur Niederhavel wäre das Ankern denkbar schlecht gewesen. Vielleicht hätten wir umdrehen sollen. Wir fuhren weiter. Wir passierten die Mündung zum Silo-Kanal, aus dem normalerweise reger Verkehr durch die Binnenschiffer herrschte. Im Moment war nichts zu sehen. Ich nahm die erste Bucht hinter der Mündung ins Visier. Und gab ordentlich Gas, um gegen den Wind anzukommen, der dem großflächigen Hausboot nun einiges entgegen setzte.

„Sturm ist das, wenn die Wellenkämme schäumen, Mama.“ Nun ja, das taten sie. Schon nahm ich Kurs auf die Bucht. Dann wurde es still. Wir hörten nur noch den Wind rauschen und die Wellen gegen das Bunbo platschen. Das Bunbo selbst tat keinen Mucks. Doch es tanzte. Manövrierunfähig. Mitten auf dem See. Der Motor war aus.

Bunbo-Tanz auf dem See

Frachtschiff in der Fahrrinne auf dem Plauer See

Blick zurück aus der ruhigen Bucht. Kurz nachdem wir die Fahrrinne verlassen hatten, kam der nächste Frachter.

Und da treiben wir also nun. Bei Windstärke vier, vielleicht auch schon fünf. Vier Tonnen mit Segelflächen aus Hauswänden, die manövrierunfähig auf den Wellen tanzen, deren Kämme weiß im Licht der ab und zu zwischen den schnell ziehenden dunklen Wolken vorblitzenden Sonne leuchten.

Ein schneller Blickwechsel mit Sohn 1.0. Motor kaputt? Tank leer? Tank leer! Oh no!! Ich bleibe am Steuer, er balanciert schnell auf dem wellentanzenden Bunbo nach achtern, sein Bruder kurz darauf hinterher. Während ich Stoßgebete an Neptun schicke, dass in diesem Augenblick keine Frachtschiffe aus dem Silokanal in die Fahrrinne einfahren mögen, denen wir in die Quere treiben könnten, füllen die beiden – erstmalig – mit dem Schüttelschlauch den Tank aus dem Reservekanister.

Es dauert lange. Vielleicht eine, zwei Minuten. Es fühlt sich wie Ewigkeiten an. Wir tanzen auf die grüne Boje zu. In der Ferne glaube ich ein Frachtschiff ausmachen zu können. Ich weiß, es wird schnell hier sein. Das zweite Bunbo hingegen, das aus der gleichen Richtung kommt, wird noch ewig brauchen. Und uns nicht helfen können.

Dann schallt endlich der erlösende Ruf nach vorne: „Alles klar! Fahr los!“ Schalthebel auf Leerlauf, Schlüssel drehen: Der Motor springt an. Gang rein, Gas, und los!

Zehn Minuten später liegen wir sicher in der Bucht und sehen hinter uns im entfernten Fahrwasser ein Frachtschiff ziehen.

Post-Panik. Und Stolz.

Was hätte nicht alles passieren können. Während wir uns nach dem Anlegen in der Küche aufwärmen, malen wir uns die schlimmsten Szenarien aus. Einer von uns hätte über Bord gehen können. Wir hätten gegen eine Boje treiben können. Wir hätten einem Frachtschiff in die Quere kommen können. Und wir hätten der Wasserschutzpolizei begegnen können, die uns ein fettes Bußgeld aufgebrummt hätte.

Das ist in unserer Familie so. Ob Unfälle, Platzwunden oder andere Ausnahmesituationen: Erst mal funktionieren. Sicherheit herstellen. Danach: Post-Panik schieben.

Und dann: Draus lernen.
Diesmal haben wir gelernt: Öfter nach dem Tank gucken. Bergwärts fahren, gegen den Wind fahren, viel Gas geben verbraucht mehr Treibstoff. Früher auf Zeichen achten. Wenn Dinge wegwehen, dann ist Wind.

Das macht auch stolz. Zu sehen, wie die beiden Jungs Männer werden. Richtige Entscheidungen treffen. Nerven behalten. Ein Team sind, auf das man sich verlassen kann. Auch wenn es zwischen den Beiden sonst wegen Nichtigkeiten krachen kann.

Gedanken im Fluss

Am späten Nachmittag liege ich in meinem Bunbo-Bett und höre dem Wind im Schilf und dem leisen Gurgeln des Wassers in der Lutzer Bucht zu.

April auf dem Wasser. Das muss man wollen. Die Entscheidung fiel zu einem Zeitpunkt, als das Leben versprach, sonniger zu werden.

Es liegen wilde Jahre hinter mir. Unberechenbar und kräftezehrend. Mal düster und grau, im Nebel, ohne Sicht auf einen Horizont. Jahre in denen ich glaubte gegen Riesen kämpfen zu müssen und mich dabei selbst versenkte. Denn was schert es den Dinosaurier, wenn ich ihn in den gezackten Schwanz piekse. Erst ein Schubs von einem Mit-Streiter führte zu Innehalten und Nabelschau. Alles auf Null.

Es folgten Zeiten voller Neuanfänge, Zeiten voller Elan, Zeiten in denen schon Land in Sicht war, und Zeiten, in denen ich wieder kenterte. Zeiten, in denen ich auf einer Planke vor mich hin dümpelte, ohne Ruder und Antrieb. Und Zeiten mit einem wunderbaren Piraten an meiner Seite, mit dem ich verrückte und aufregende Abenteuer erlebte und neue Horizonte entdeckte.

Heute stehe ich wieder an einem Scheidepunkt. Muss pragmatische Entscheidungen treffen und mein Leben dafür einmal wieder auf links drehen. Wieder alles auf Anfang, nur heute mit mehr Gelassenheit und Routine. Routinen, auf die ich oft gern verzichtet hätte. Aber manchmal sieht man den Sturm nicht kommen, und manchmal ignoriert man ihn auch einfach. Und immer muss man sich ihm stellen.

Dann wieder alles auf Anfang, mit einem weinenden und einem lachenden Auge. Und einer inzwischen gut eingespielten Crew.

Was das Bunbo mit mir macht.

Gedanken im Fluss. Manchmal ist das Leben eben ein ewiger April. An einem Tag heiter, warm und sonnig. Am nächsten eisig kalt, stürmisch und klamm. Auf dem Bunbo ist das alles viel intensiver zu erspüren. Aber auch viel leichter zu ertragen. Obwohl die nasse Kälte dieses Tages durch die Holzwände kriecht, macht sie mir nichts aus. In Hamburg würde ich zittern und fluchen. Obwohl es regnet und unser Bewegungradius auf unser kleines Hausboot beschränkt ist, ist alles gut wie es ist. Und auch wenn es hier an unserem Liegeplatz in der Lutzer Bucht keinen Empfang gibt und die Smartphones vom Tag ohnehin fast leer gespielt sind, obwohl unser Batteriewächter nach unten zählt, und wir uns mit nur noch einer Funzel über den Küchentisch beugen, fühlen wir uns wohl. Wie spielen Monopoly und lachen und wir kuscheln uns in die Betten, bevor es zehn wird.

Überhaupt ist der Tagesrhythmus auf dem Bunbo ganz selbstverständlich und natürlich ein ganz anderer, als zuhause. Zuhause, wo es endlos lange Strom und Licht gibt, wo das Internet nie aus geht und man Ausschlafen als Luxus genießt.

Hier auf dem Wasser, wo alles beschränkt ist, Platz, Strom, Netz, Gas und Trinkwasser, wo es nach Sonnenuntergang zappenduster ist, und wo die Wasservögel nach dem Sonnenaufgang ein vielstimmiges und schwer zu ignorierendes Konzert anstimmen, gibt es keine langen Nächte am Rechner und schon gar keine Glotze. Und das ist gut so.

Statt hochgedrehter Heizkörper mummelt man sich im Zwiebellook ein, wenn es kalt ist. Und bei jedem Sonnenstrahl sitzt man draußen auf der Terrasse und schaut auf das Wasser, schaut den Enten und den anderen Wasserreisenden hinterher, schaut dann den Regentropfen zu, bis der Wind sie einem ins Gesicht pustet und einen in die warme Küche zurück treibt.

Es ist ein gutes Leben, so schlicht und so natürlich. Und es hilft, Gedanken im Fluss zu halten.

Letzte Nacht

Wir ankern am Kilometer 70, Terrasse gen Süden ausgerichtet, und packen unsere Sachen. Ein letztes Mal genießen wir die Weite, die Ruhe, den Regen, die Langeweile.

Am Morgen begrüßt uns ein letztes Mal die Sonne, bevor wir starten. Ein heißer Tee, dann heißt es Anker lichten und früh in der Marina sein, um dem Check-Out-Ansturm der anderen Teilzeitkapitäne, die ebenfalls eine Kurzwoche gebucht haben, zuvor zu kommen. Wir legen routiniert an, räumen unsere Sachen aus dem Bunbo in den Bollerwagen, und aus dem Bollerwagen in unser Auto. Dann heißt es Abschied nehmen, von der Bunbo-Crew, dem Wasser, der Langsamkeit. Wir kommen wieder.

 

Und am Ende wird alles gut.
Und wenn es nicht gut ist, dann ist es noch nicht das Ende.