Es war Samstag, Familienfrühstück, die Jungs erzählten Schulgeschichten, die Marmelade wurde hin und her geschoben. Wir sinnierten über die Konsistenz der Frühstückseier und die sichersten Wege zum perfekten Ei, die jedes Wochenende aufs neue erforscht werden. Der alte Herr des Hauses liess sich nach dem Genuss desselben ein Magazin reichen, das am Tischende lag. Er nahm es, legte es neben sein Frühstücksbrettchen, rückte seine Brille zurecht. Er betrachtete lange das Bild auf dem Titel. Las die dicken Zeilen. Hielt inne.

Dann schlug er das Heft auf, überblätterte Werbung und Editorial, kam zum Inhalt und betrachtete die Bildvorschauen auf der Doppelseite. „Der Gorbatschow…“ murmelte er. Sein Blick flog über die Inhaltsspalten, ohne lange genug zu verweilen, das Gesehene auch wirklich lesen zu können. Dann klappte er das Heft wieder zu.

Nahm es in die Hand. Drehte es um. Schlug es von hinten auf. Las die Rubrik auf der letzten Seite.

Dann fing er an zu blättern. Von hinten. Gleichmäßig. Jeder Doppelseite widmete er drei bis fünf Sekunden. Bilder, Schlagzeilen, Seite umblättern. Weiter nach vorn. Auf der Witze-Seite verweilte er etwas länger. Keine Regung in seinem Gesicht. Keine andere zumindest, als die, die es immer zeigte: Offenheit, Interesse, Ruhe. Unterstrichen von den vielen Linien und Furchen, die er in seinem Leben gesammelt hatte. 78 Lebensjahre zählte er da.

Lesen in kleinen Schritten

Er blätterte weiter. Seite für Seite. Drei bis fünf Sekunden. Den Doppelseiten mit großen opulenten Fotos widmete er eher fünf als jenen mit viel Text. Die Bildunterschriften las er nicht. Er blätterte weiter. Nach vorne.

Sein Enkel spielte inzwischen mit seinem Handy. Ben war damals elf. Einmal blickte er von seinem Handy auf und beobachtete seinen Großvater mit nachdenklichem Blick. „Warum machst Du das, Oti?“ fragte er ihn. „Warum liest Du rückwärts und so schnell?“ Oti blätterte weiter. An seinem Blick sah man, dass er jetzt nachdachte. Bei einem Foto von Gorbatschow hielt er inne. Er betrachtete es und sagte dann: „Ich weiß nicht. Aber ich hab das schon immer so gemacht. Seit ich solche Hefte lese.“

Ben war bereits wieder von seinem Handyspiel gefangen. Ohne aufzublicken fragte er nach: „Seit wann liest Du denn sowas?“ Oti betrachtete weiter das Bild von Gorbatschow, während er nachdachte. „Och, das ist schon lange her,“ sagte er dann. „Da hab ich mir die Zeit beim Kühehüten mit vertrieben, in Darchau. Die Bäuerin hat mir diese Constanze* immer mitgegeben, das war so ein Heft für Hausfrauen. 1949 war das…“

„Aber Du liest doch gar nicht richtig!“  unterbrach Ben die Gedankenreise des Alten in die Vergangenheit. Oti hielt inne. Dachte wieder nach. Und sagte dann: „Doch schon. Jetzt guck ich erst mal, was alles drin ist. Und wenn ich vorne angekommen

Oti

Oti
*1935 †2015

bin, dann geh ich erst mal zu den Geschichten, die mir beim Blättern aufgefallen sind. Und die lese ich dann richtig und in Ruhe.“

Ben fluchte über sein verlorenes Handyspiel. Dann schaute er hoch und sagte: „Ist ja wie bei Facebook. Ich klick da auch nur, wenn das Foto cool ist oder der Spruch.“ Ben sprang auf und war schon weg, bevor Oti nachfragen konnte.
Der alte Mann drehte sich zu mir: „Facebook ist doch das im Internet?“ Ich nickte.
„Ja,“ sagte Oti, „der Mensch verändert sich nicht. Nur seine Wege.“

Diese kleine Geschichte ist bereits 2013 in meinem früheren Blog erschienen.

Wer mehr über die Constanze wissen möchte: Bei Bernd Nowack und im Wirtschaftswundermuseum kann man weiterblättern und Cover  gucken.