Stell Dir vor, ein Flugzeug muss in der Elbe notwassern, und Du hast keine Kamera dabei. Diese Sorge plagte einst jeden Fotoreporter, und so gingen bis in die 2000er Jahre ausnahmslos alle, die auf einen Scoop hofften, mit gepackten Fototaschen oder wenigstens einer halbwegs tauglichen Kompaktkamera mit hochempfindlichem Film aus dem Haus. Auch wenn sie privat unterwegs waren. Auch ich. Das war vor allem unbequem. Wie gut, dass heute alles leichter ist. Alles? Nein, denn heute hat man die Qual der Wahl der besten Immer-Dabei-Kamera. Ich bin auf der Suche und habe mir die Canon EOS M3 angesehen.

Flugzeug im Hudson River.  Foto: Janis Krums

Flugzeug im Hudson River.
Foto: Janis Krums

Ja, richtig, das Flugzeug, das im Januar 2009 im Hudson River notwassern musste, wurde mit einem iPhone 3g aufgenommen. Das Fenster der zur Rettung eilenden Fähre, durch das der Unternehmer Jānis Krūms die bizarre Rettungsszene im schönsten Abendlicht vor New Yorker Skyline festhielt, war schmutzig und das iPhone hatte seinerzeit eine Auflösung von gerade mal zwei Megapixeln. Doch für einen Scoop reichte es:

Das Bild machte in kürzester Zeit auf Twitter und dann auch in allen Medien die Runde und gilt heute als Wendepunkt in der Wahrnehmung von Twitter und als Geburtsstunde des Bürgerjournalismus. Heute kann ich mich also mit meinem acht Megapixel starken iPhone 6 bestens ausgestattet fühlen.
Ich fotografiere seit 2009 mit iPhones, erfreue mich an der sich entwickelnden Bildqualität und den Bearbeitungsmöglichkeiten in Form von Apps mit Filtern, die glücklich machen. Ich erfreue mich am Tempo, in der die Fotos bei Instagram, Twitter oder Facebook online stehen können. Und natürlich am Feedback, das ich auf diesen Kanälen in Form von Likes, Hearts, Shares und Kommentaren in kürzester Zeit erhalte. Beruflich nutze ich meine Canon EOS 5D Mark II als solides Arbeitstier für Shootings und Eventfotografie, und bin auch sieben Jahre nach ihrer Markteinführung noch ganz zufrieden. Alles prima also. Eigentlich. Denn glücklich machen mich beide nicht.

Wanted: Ein Hybrid aus physisch leistungsstarker Kamera und Foto-Apps mit Internet-Connect

Zu oft habe ich beim Auslösen des iPhones gedacht „Hätte ich doch eine vernünftige Kamera dabei!“ Zu oft habe ich beim Sichten meiner Fotos auf dem Display meiner 5D Mark II gedacht: „Das würde ich jetzt gern sofort bearbeiten und teilen können!“
Ein Hybrid müsste also her, ein Smartphone mit großem Sensor, fantastischen Linsen, optional mit RAW bzw. DNG als verlustfreies Basis-Format wäre mein ganzes Fotoglück. Gibt es aber nicht.
Denkbar wäre auch eine kleine handliche DSLR oder DSLM mit starken Wechseloptiken, an denen ich hinten einfach mein Smartphone als Bedienteil anflanschen und beliebige Foto-Apps damit nutzen könnte.
Da gibt es erste Ansätze, wie jüngst die DxO One, die man (ab Oktober 2015) einfach via Lightning-Stecker mit dem iPhone verbinden kann. Die hab ich schon getestet, und die ist schon ganz nett, aber noch weit entfernt von dem, was ich mir wünsche. Zu der gibt es demnächst einen eigenen Artikel.
Auch die GALAXY Camera geht schon in diese Richtung und wird über Android Jelly Bean gesteuert, so richtig gut zu bedienen ist sie aber nicht, und auch die Bildqualität kann nicht überzeugen.
Bleibt also bisher nur der Griff zu einer kleinen haptischen spiegellosen Kamera mit indirektem Draht ins Web via WiFi zum Smartphone. Davon wiederum gibt es einige. Die Canon EOS M3 gehört dazu.

EOS M3: Handliche Damenkamera?

Auf dem Influencer-Treffen Canon Hidden Places in Berlin habe ich von den dort vorgestellten Kameras Powershot N2, EOS 750D und 760D und der EOS M3 ebendiese unter die Lupe genommen. „Frevel!“ mault hier übrigens der Leica-Fan; ob die Brücke zur legendären Leica M3 von der heutigen Zielgruppe aber wahrgenommen wird, wage ich zu bezweifeln.

Canon EOS M3 im Test

Canon EOS M3 – die handliche Damenkamera? 😉
Foto: Robert Basic

Klein ist sie – im Gegensatz zur 5DII – an die Haptik muss ich mich deshalb noch gewöhnen. Das wird eine Herausforderung, denn auch nach sieben Jahren iPhone-Nutzung empfinde ich das Fotografieren mit dem Smartphone alles andere als komfortabel.
Dagegen liegt die M3 besser in der Hand. 366 Gramm bringt der Body mit Akku und Karte in den Ring, mit dem 18-55mm f/3.5-5.6 Kitobjektiv ist es ein großzügiges Pfund. Die 5DII wiegt mit meinem Immerdrauf 35mm, f/1.4 über zwei Pfund, das iPhone 6 wiegt 129 Gramm – die EOS M3 liegt damit ziemlich genau mittenmang.

 

I never #RTFM

Canon EOS M3Jede Kamera verliert, wenn ich mir erst eine seitenlange kleingedruckte Gebrauchsanweisung durchlesen muss, um die mir gewohnten Grundfunktionen nutzen zu können. Auf der EOS M3 fühlt sich der versierte Canonier wie zuhause: Alles dran und manuell einstellbar, was muss. Ein elektronischer Sucher ist optional zu bekommen, in diesem Fall reicht mir der 3 Zoll große Touchscreen, der sich sowohl 180° nach oben als auch für tiefe Blickwinkel, die ich sehr gern einnehme, 45° nach unten klappen lässt. Das ermöglicht auch unauffällige People-Fotos.

 

24 Megapixel auf dem APS-C-CMOS-Sensor – Muss das sein?

Ich finde grundsätzlich: Nein. Muss nicht. Schon weil der überwiegende Anteil meiner Fotos im Internet genutzt wird, und letztlich nur ein Promille-Anteil doppelseitig gedruckt wird – und für den reichen sogar zwölf wirklich hübsche MP. Viele kleine enge Megapixel blasen die Dateien auf, und heute kam mein MacBookPro heiß ins Schwitzen, als ich die großen Dateien der M3 (detailreiche RAWs liegen bei 30-40MB) verarbeitet habe. Außerdem machen viele kleine zusammengequetschte Pixel fieses Rauschen. Dachte ich. Ich hab mal ganz bewusst auf Auto-ISO eingestellt und hab in der dunklen Rixdorfer Schmiede im Böhmischen Dorf in Berlin ohne Blitz fotografiert. Und behaupte nun das Gegenteil: Viele kleine Pixel müssen gar nicht viel Rauschen machen. Für Details und Downloadmöglichkeit der Originalgrößen solltet Ihr die Galerie aufklicken:

Tageslichtfotos rundgelutscht

Ich kann nicht sagen, ob das wirklich vorbildliche und für mich als Blitzverweigerin damit sehr wertvolle Rauschverhalten daran mitschuldig ist, aber bei normalem Tageslicht aufgenommene Fotos der EOS M3 wirken dagegen leider rundgelutscht.
Vielleicht bin ich einfach noch zu analog im Kopf, aber Fotos ohne jegliche Struktur wirken auf mich comicartig und wie gemalt, als hätte man es mit der Entrauschung übertrieben.

Schöne Farben, verschiedene Modi

Farben kann Canon, und dank der mitgelieferten Digital Photo Professional Software können die an der Kamera gewählten Modi auch später noch am Rechner umgeschaltet werden. Das kam mir sehr entgegen, denn der Portrait-Modus ist für meinen Geschmack zu fiebrig, und ich bevorzuge natürliche Farben.
Bisher unterschätzt habe ich die Möglichkeit, direkt in Schwarzweiß zu fotografieren und dies am Bildschirm auch kontrollieren zu können. Ich habe das Gefühl ganz anders zu sehen, anders zu fotografieren, auf andere Ausschnitte zu achten, wenn ich direkt das s/w-Ergebnis sehen kann.

Canon-Apps: Camera Connect ins Web

Mit der Connect-App von Canon, die sowohl für das iPhone und iPad, als auch für Android-Smartphones und -Tablets zu bekommen ist, können die auf der EOS M3 gemachten Jpegs auf das Smartphone geholt und dort mit den üblichen Smartphone-Foto-Apps weiter verarbeitet oder mit Geotags versehen werden werden. Auch Remote Control ist möglich. Das geht nicht nur mit der M3, sondern allen aktuellen Powershot-, IXUS und DSLR-Modellen, die WLAN-fähig sind. Aktuell kleines Manko: Das klappt nicht immer so flott und reibunglos, wie es zu wünschen wäre, wie auch zahlreiche App-Bewertungen bestätigen.

Die Canon EOS M3 ist auch mit der neuen Speicher-Lösung CS100 kompatibel, die Rob hier bereits beschrieben hat, und die wir auch testen werden, sobald das Gerät verfügbar ist.

Für Einsteiger und Manual-Nutzer hat Canon eine smarte App-Lösung für jede Kamera entwickelt: In den Begleiter-Apps für jedes aktuelle Kamera-Modell wird nicht nur die Bedienung der jeweiligen Kamera verständlich vermittelt, es gibt auch Tutorials mit fotografischen Grundlagen, und einige City-Guides mit Anregungen für Fototouren.

Was zu testen bleibt: Gute Objektive, Sucher und Pancake

Vor einem finalen Fazit werde ich mir die Canon EOS M3 etwas länger ausleihen, mit dem 22mm f/2 Pancake, dem Adapter und meinen L-Objektiven testen, und mir auch die Connect-App nochmal in Ruhe anschauen.

Nach diesem ersten Eindruck steht die EOS M3, die mit dem 18-55mm-Kitobjektiv derzeit rund 620 Euro kostet, schon recht weit oben auf meiner Liste der in Frage kommenden Immer-Dabei-Kameras.

Und Ihr so?

Welche Kameras würdet Ihr an meiner Stelle noch testen? Gibt es die eierlegende Wollmilchsau, die ich mir wünsche?